Produktivität und Alter

Das Ende des Jugendwahns

Bis vor einigen Jahren war es noch politisch gewollt: Die ältere Belegschaft wurde vorzeitig in den Ruhestand geschickt, koste es was es wolle. Regierung und Gewerkschaften waren sich einig, und der Steuerzahler hat’s bezahlt. Die Unternehmen muckten nicht auf, keineswegs. Der Ehrgeiz so machen Personalers war angestachelt. Sein Ziel: die olympiareife Truppe; möglichst wenig Beschäftigte über 55, keine Einstellungen über 40. Dass damit viel Erfahrung und Know-how gleich mit in Rente geschickt wurde – wen interessierte es schon? Besonders mittlere und große Unternehmen taten sich diesbezüglich hervor, und heute fällt es ihnen auf die Füße. Das Gejammer – nicht genug qualifizierte Mitarbeiter – ist jedenfalls groß.

Falsche Argumente

Das stärkste Argument der Personaler war immer: Nachlassende Produktivität und Belastbarkeit mit steigendem Alter – häufig krank. Beide Argumente sind falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Dass ältere Mitarbeiter nicht häufiger krank sind, sondern weniger, dafür aber länger, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Hier greifen die Präventionsmaßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements, um auch etwas gegen die länger anhaltenden Krankheiten tun.

Produktivität steigt mindestens bis 65

Zwei Forscher der Universität Mannheim, Axel Börsch-Supan und Matthias Weiss, haben in einer im Januar 2011 vorgelegten Untersuchung im wichtigsten LKW-Werk der Daimler AG in Wörth festgestellt, dass die Produktivität der Arbeiter am Band mindestens bis zum 65. Lebensjahr steigt. Bei der Untersuchung der Fehlerhäufigkeit fiel auf, dass ältere Arbeitnehmer zwar etwas häufiger Fehler machen, jedoch keine gravierenden. Hier zählt Erfahrung. Sollte doch mal etwas passieren, so setzen die Älteren ihre Erfahrung ein, um den Fehler abzustellen.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Studie die Situation an der Produktionslinie eines großen LKW-Werkes untersucht. Trotz modernster Arbeitsprozesse wird den Mitarbeitern noch ein hohes Maß an körperlicher Tüchtigkeit abverlangt. Wie wird die Produktivität älterer Mitarbeiter wohl sein, wenn etwa bei Bürotätigkeit der körperliche Einsatz keine so wichtige Rolle spielt? Die Autoren ermutigen andere Forscher, diesem interessanten Thema nachzugehen.

Tröstlich auch aus volkswirtschaftlicher Sicht

Jedenfalls sind dies auch volkswirtschaftlich ermutigende Ergebnisse. Belegen sie doch, dass eine schrumpfende, alternde Gesellschaft mit einem stagnierenden Arbeitsmarkt nicht zum Untergang verurteilt ist – vorausgesetzt, die handelnden Akteure investieren in die Entwicklung der Belegschaft und schicken sie nicht aufs Altenteil.

Zitate aus der Veröffentlichung

Productivity and age: Evidence from work teams at the assembly line. Axel Börsch-Supan and Matthias Weiss. January 19, 2011

“Older workers are often thought to be less productive” – “ältere Arbeitnehmer werden oft als weniger produktiv angesehen” schreiben Axel Börsch-Supan and Matthias Weiss in PRODUCTIVITY AND AGE: EVIDENCE FROM WORK TEAMS AT THE ASSEMBLY LINE veröffentlicht bei mea.uni-mannheim.de.

“Dieser Eindruck ist weit verbreitet und implizit in vielen Diskussionen über das Altern, auch in unseren ökonomischen Lehrbüchern. Oft als eine feststehende Tatsache betrachtet, hat es tiefgreifende Folgen für die Personalpolitik von Arbeitgebern und Ruhestandentscheidungen von Mitarbeitern gemacht. In vielen Ländern wird sie als Motivation für Vorruhestandsregelungen eingesetzt. Außerdem, wenn der Eindruck richtig wäre, würde die Alterung der Gesamtbevölkerung negative Auswirkungen auf die allgemeine Produktivität haben, da der Anteil der älteren Arbeitnehmer steigt.”

“Unsere Ergebnisse zeigen, dass das Durchschnittsalter-Produktivitäts-Profil der einzelnen Arbeitnehmer bis zum 65. Lebensjahr steigt. Die Analyse von Beschäftigungsdauer und Alter zeigt, dass es in der Tat die Erfahrung ist, die dafür sorgt, dass bei älteren Arbeitnehmern die Produktivität nicht sinkt. Eine Analyse der Produktivität, der Häufigkeit der Fehler und der Schwere der Fehler zeigt, dass die älteren Arbeitnehmer eine besondere Kompetenz besitzen, schwere Fehler zu vermeiden. Während ältere Arbeitnehmer etwas häufiger Fehler machen, unterläuft ihnen jedoch kaum ein schwerer Fehler. Die Ergebnisse lassen annehmen, dass ältere Arbeitnehmer besondere Fähigkeiten besitzen, schwierige Situationen zu erfassen, um sich dann auf die wichtigsten nächsten Schritte zu konzentrieren.” (Übersetzung DM).

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Die Veröffentlichung in der “Zeit”: Demografie: Routine schlägt Jugend ist trotz der selten dämlichen Überschrift ein lesenswerter Artikel, durch den ich erst auf die Arbeit der Mannheimer Forscher aufmerksam wurde.

Homepage des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und Demographischer Wandel (MEA) an der Universität Mannheim. MEA – Mannheim Research Institute for the Economics of Aging.

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